Spätaussiedler wollen als Deutsche unter Deutschen leben

Das Bekenntnis zum Deutschtum erschwert oft die Integration

Der Wille der Spätaussiedler zur Integration ist vorhanden, weil sie als Deutsche unter Deutschen leben wollen. So begründen Spätaussiedler im Aussiedlungsgebiet die Ausreise nach Deutschland und setzen sich dem Argwohn ihrer Mitbürger aus. Auf jemanden, der sich so zu einem fremden Staat bekennt, kann man sich nicht mehr verlassen.

Im alten Fragebogen für die Aufnahme von Spätaussiedlern musste die Frage nach der „Pflege des deutschen Volkstums“ beantwortet und Nachweise dafür vorgelegt werden. Im neuen Fragebogen muss beantwortet werden, wann welche deutsche Sitten und Gebräuche innerhalb der Familie gepflegt wurden und wer die Pflege der deutschen Sitten und Gebräuche vermittelt hat.

Nicht einmal deutsche Politiker sind sich über das Deutschtum einig. Als Bundeskanzler Helmut Kohl vom deutschen Vaterland sprach, verhöhnte der saarländische Ministerpräsident Oskar Lafontaine das als Deutschtümelei. Als im Wahlkampf Spätaussiedler aufs Korn genommen wurden, meinte Lafontaine, die Spätaussiedler könnten über deutsche Kultur nichts wissen, weil sie die deutsche Sprache als Zugangsvoraussetzung zur deutschen Kultur nicht beherrschen.

Zugang zur deutschen Kultur. Aber zu welcher deutschen Kultur? Es gibt Ausreisewillige, die sich auf das Leben in Deutschland vorbereiten, indem sie die Lieder aus der Zeit des Nationalsozialismus neu lernen und stolz zeigen, wie viel sie von der deutschen Kultur wissen. Das Absingen einiger dieser Lieder ist in Deutschland mit Strafe bedroht.

Es wird übersehen, dass die heute in Deutschland bevorzugte deutschen Kultur für die Menschen, die aus dem ehemaligen Ostblock zu uns kommen, von 1945 bis 1989 nicht zugänglich war. Wer zur Zeit des Kalten Krieges von Westdeutschland über die Transitautobahn nach Berlin fahren wollte, durfte nicht einmal altes Zeitungspapier als Packpapier mitnehmen.

Welche deutschen Sitten und Gebräuche. Der Hitlergruß war ja eine sehr markante deutsche Sitte. Aufgrund der Globalisierung verwischen sich die Sitten und Gebrauche der Völker, aber die Spätaussiedler zwingt man, sich an das zu erinnern, was man eigentlich nicht wach halten sollte. So ist es nicht verwunderlich, dass in Stadtteilen mit einem hohen Anteil an Spätaussiedlern auffällig hoch rechtsradikal gewählt wird.

Der Sprachlehrgang ist für viele Spätaussiedler der bewusst erlebte Kontakt mit der in Deutschland bevorzugten deutschen Kultur. Aus den Lehrbüchern lernen sie, wie sie sich beim Autokauf verhalten sollen. Aber sie lernen nichts über die wahren Werte des deutschen Volkes. „Die Würde des Menschen ist unantastbar.“ „Jeder hat das Recht auf Leben und körperliche Unversehrtheit.“ Es wäre viel erreicht, wenn jedem Spätaussiedler als Willkommensgeschenk das Grundgesetz der Bundesrepublik Deutschland ausgehändigt würde.

Autor: Wilhelm Klumbies, D-41065 Mönchengladbach